Soziale Arbeit: weit mehr als nur zwei Wörter.

Gespräch mit Hannes Wolf, 3. September 2020

Hannes Wolf (privat)
Hannes Wolf (privat)

Herr Wolf, Sie sind 1. Vorsitzender des Berliner Landesverbandes des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit (DBSH). Wofür steht Ihr Verband?

 

Vielleicht kurz vorweg: Ich mache mit dem Begriff „Soziale Arbeit“ immer wieder die Erfahrung, dass viele damit nicht unbedingt etwas anfangen können. Früher wurde von den Fachrichtungen der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit gesprochen. Unter dem heutigen Begriff „Soziale Arbeit“ finden sich beide Berufsgruppen wieder: die Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen.  

 

Der DBSH ist der Berufsverband und die Fachgewerkschaft in einem – und zwar für alle in der Sozialen Arbeit Beschäftigten.

 

Was heißt das konkret? 

 

Wir wollen, dass unsere Profession fach- und berufspolitisch aufgewertet wird. Wir setzen uns für Qualitätsstandards sowie die Weiterentwicklung und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit ein.

 

Wenn es um die Interessenvertretung geht, haben wir in erster Linie die Rahmenbedingungen unserer Arbeit vor Augen. Die sind an vielen Stellen nicht besonders gut. Um daran etwas zu ändern, ist es unsere Aufgabe, auf konkrete Missstände hinzuweisen und uns für Veränderungen einzusetzen. Konkret heißt das, dass wir viel Netzwerk- und Gremienarbeit machen, Fachveranstaltungen organisieren, Kampagnen planen, Fachkräfte und Initiativen beraten und unterstützen. Wir mischen uns eben überall ein, wo es uns angeht! Für unsere Mitglieder bieten wir neben einer Rechtsschutzversicherung und Fortbildungen ein starkes fachliches Netzwerk innerhalb unserer Profession.

 

Wie sind Sie denn zum DBSH gekommen? Warum ist Ihnen diese Arbeit so wichtig? 

 

Ich habe Soziale Arbeit in Berlin studiert. Ein elementarer Teil des Studiums ist ein Praxissemester, was ich grundsätzlich sehr gut finde. Mein Weg führte mich für fünf Monate in ein Berliner Jugendamt. Eine Bezahlung für dieses Vollzeit-Praktikum ist im öffentlichen Dienst nicht vorgesehen. Da ich BAföG bezog, ging das irgendwie. In meiner Region gab es jedoch auch eine Mitpraktikantin, die nachts in einer Krisen-WG arbeitete, um sich das Praktikum überhaupt leisten zu können. Bei ihr war es so, dass sie direkt von der Nachtschicht zum Praktikum ins Jugendamt kam. Dieser Umstand machte mich unfassbar wütend. 

 

Es folgten viele Gespräche und schließlich gründete ich zusammen mit Studierenden von den drei Berliner Hochschulen das „Netzwerk prekäres Praktikum“. Auf der Suche nach Partnern sind wir auf den „Jungen DBSH“ gestoßen, der uns vor allem mit seinem bundesweiten Netzwerk viel unterstützt hat. So kam ich zum Berliner Landesverband und engagiere mich seitdem hier ehrenamtlich.

 

Immer wieder stoße ich auf historische Rückblicke zum (sehr) langen Weg der verbandlichen Organisation der Sozialen Arbeit. Dabei fällt mir auf, dass es gestern wie heute nicht selbstverständlich war und immer noch ist, dass Politik und Gesellschaft den Wert der Sozialen Arbeit angemessen schätzen und honorieren. Gibt es dafür eine Erklärung? 

 

Ja, klar gibt es Erklärungen. Wie wäre es hiermit? Weibliche Berufe, starke kirchliche Tradition der Mildtätigkeit, sehr diverse Handlungsfelder, schwache Organisation in Interessenvertretungen, mangelnde Berufsidentität und schwer zu beziffernde „Wirkung“ der Sozialen Arbeit?  

 

Tatsächlich war es ein langer Weg hin zu einem Beruf und zu einer nun noch recht jungen Profession. Wertschätzung und Bezahlung sind dabei Dauerthemen. Dies macht aus meiner Sicht wiederum auf ein strukturelles Problem aufmerksam: Soziale Arbeit steht mit anderen Care-Berufen in einer historischen Linie von traditionell durch Frauen ausgeübte und oft unbezahlten Tätigkeiten. An dieser Stelle müssten wir also über den Kapitalismus reden ...

 

Zum Glück wird als Reaktion auf die zunehmende Ökonomisierung in den letzten Jahren endlich vermehrt über die Ethik in der Sozialen Arbeit diskutiert. Einen Gedanken möchte ich dazu teilen: Wenn ich heute an Studierende denke, die zu Beginn des Studiums überwiegend als primäre Motivation das „helfen wollen“ nennen, ist es beachtlich, wie sich dies im Laufe des Studiums verändert. Durch Reflexion der eigenen Biografie, Vermittlung von Fachwissen und methodischem Handeln sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit Macht und (gesellschaftlichen) Strukturen entwickelt sich eine fundiertere Haltung und ein tiefergehendes Verständnis von professioneller Sozialer Arbeit. 

 

Wenn wir beim „helfen wollen“ bleiben, verkennen wir, dass es nicht um Mitleid oder Mildtätigkeit geht. Es geht um die Rechte der Menschen, für die und mit denen wir arbeiten, und die Umsetzung dieser Rechte. Für diese hoch anspruchsvolle Arbeit brauchen wir gute Rahmenbedingungen. Und um gehört zu werden, brauchen wir starke Interessenvertretungen, damit wir im demokratischen und medialen Diskurs wahrgenommen werden.

 

Apropos „medial“: Der DBSH hat vor Kurzem die Kampagne #dauerhaftsystemrelevant ins Leben gerufen, was steckt hinter dieser Idee? 

 

Der Lockdown in der Coronakrise war ein kritischer Moment für uns Sozialarbeitende. Beziehungsarbeit, wie wir sie kannten, ist weggebrochen. Kooperationen kamen zum Erliegen und, sofern sie stattfanden, waren Begegnung mit Nutzer*innen von einer neuen wechselseitigen Unsicherheit geprägt. Es waren kollektive Erschütterung, Ungewissheit und Kontrollverlust, die die ersten Tage und Wochen des Lockdowns prägten.  

 

Auch die mangelhafte Versorgung mit Schutzausrüstung, fehlende einheitliche Schutzkonzepte und die erst zögerlichen Zugeständnisse bei der Kinder-Notbetreuung für Sozialarbeitende mit Kindern waren drängende Probleme. Unsicherheit bei der Finanzierung der Träger, mögliche Kurzarbeit, nicht erreichbare Behörden, vielfältige neue Herausforderungen und multiple Krisen der vulnerablen Gruppen, mit denen Soziale Arbeit zu tun hat, kamen hinzu. 

 

Parallel dazu entfaltete sich medial der Diskurs um systemrelevante Berufe. Soziale Arbeit war bei der Berichterstattung (vor allem zu Beginn) fast unsichtbar. Diese Tatsache führte in meinem Umfeld und in den sozialen Medien häufig zu Frust und Unverständnis. 

 

Diese Situation war für uns der Anlass, einen digitalen Austausch unter Sozialarbeitenden zu starten. Was in einer Berliner Arbeitsgruppe des DBSH begann, öffnete sich schnell für alle Interessierten und wurde zu einem digitalen Plenum, das von Sozialarbeitenden und Studierenden aus ganz Deutschland und dem Ausland genutzt wurde. Vor allem aus den Feldern Soziale Arbeit im Gesundheitswesen, stationäre Einrichtungen für Jugendliche und Geflüchtete und Wohnungslosenhilfe kamen dort Kolleg*innen zusammen und berichteten aus ihren Arbeitsfeldern von großen Herausforderungen und Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Pandemie. 

 

Aus der begonnenen Diskussion über #systemrelevanz der Sozialen Arbeit entwickelte sich die Idee, die durch die Pandemie wie durch ein Brennglas sichtbar gewordenen strukturellen Missstände und die Soziale Arbeit allgemein öffentlich zu machen. Daher entstand die Idee, die Kampagne #dauerhaftsystemrelevant ins Leben zu rufen und mit dieser Kampagne für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung der Sozialen Arbeit und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gehälter einzutreten. 

 

In der Kampagne arbeiten wir über verschiedene Kanäle und mit unterschiedlichen Mitteln an der Profilierung und Sichtbarmachung von Handlungsfeldern mit ihren Herausforderungen und Forderungen an die Politik. Dazu haben wir u. a. Praktiker*innen um Tagebucheinträge gebeten, die wir veröffentlichen. Unser Ziel ist es, zur Bundestagswahl 2021 die Themen und Forderungen der Sozialen Arbeit sichtbar zu machen.

 

Die sozialen Missstände zu benennen, ist wichtig. Menschen zu Wort kommen zu lassen, die ihre Geschichten erzählen, auch. Sie sagten es: Im kommenden Jahr gibt es die Wahlen zum Deutschen Bundestag, auch in Berlin wird gewählt. Ich kann mir vorstellen, dass Sie neben diesen sehr allgemeinen auch konkrete Forderungen an die Politik haben. Was muss aus Sicht des DBSH dringlich verändert werden? 

 

Es gibt offensichtliche Missstände, die die Politik angehen muss, wenn sie die Aufwertung sozialer Berufe ernst meint. Unbezahlte Praxissemester, in denen Studierende fünf Monate in Vollzeit tätig sind, gehören dazu. Eine Praktikumsvergütung darf dann natürlich nicht auf das BaföG angerechnet werden, damit Studierende wenigstens das Existenzminimum erreichen. 

 

Ein großes Feld sind die Finanzierungslogiken in der Sozialen Arbeit. So machen manche Finanzierungsmodelle für Projekte nachhaltiges Arbeiten vielfach unmöglich. Auch obwohl viele Projekte gut etabliert sind und als erfolgreich bezeichnet werden können, werden diese oft nicht verstetigt. Außerdem braucht es eine Tarifbindung bei Ausschreibungen, damit das real existierende Lohndumping bei einigen Trägern aufhört.

Wir kämpfen seit Jahren für bessere Personalschlüssel, zum Beispiel für eine Fallzahl-Obergrenze in den Jugendämtern. Dort fehlen Standards für einheitliche Personalbemessungsmodelle, in einer Reform des SGB VIII müssen diese berücksichtigt werden.

 

Politik muss auch die steigenden Mieten in den Blick nehmen und damit die räumliche Verdrängung wichtiger sozialer Projekte beenden. Das ist nicht nur in Berlin ein Thema.   

Und noch ein Spezialthema an dem wir dran sind: Sozialarbeitende brauchen ein Zeugnisverweigerungsrecht. Dafür braucht es eine Reform des § 53 StPO in die geschützten Berufsgruppen aufgenommen werden. Das ist u. a. für Streetworker*innen, Fachkräfte in der Arbeit mit Geflüchteten und Fanprojekten elementar.  

Ich könnte die Liste noch fortsetzen, aber das sind Themen, die mir sofort in den Sinn kommen.

 

Die Landesarmutskonferenz Berlin hat 2011 die Initiative WIR KOMMEN WÄHLEN! ins Leben gerufen. Seit 10 Jahren bringen wir Politik und die Menschen zusammen, die sich – häufig aufgrund der persönlichen Lebenslage – nicht mehr für Politik interessieren, nicht mehr wählen gehen oder sich nicht ausreichend gesehen oder repräsentiert fühlen. In Speed-Dating-Runden kommt es zum Austausch, den es aus unserer Sicht nicht mehr häufig gibt. Was meinen Sie, sollten wir im kommenden Jahr das Thema Soziale Arbeit auch im Rahmen dieses Formates gemeinsam in den Fokus rücken?

 

Ja, das ist eine gute Idee! Denn unsere Erfahrung zeigt, dass auch Abgeordnete besser verstehen müssen, was Soziale Arbeit konkret bedeutet und was es braucht, um wirksam zu sein. 

 

Vertrauen aufzubauen braucht Zeit. Und Vertrauen ist das Fundament für jeden Veränderungsprozess. Zeit in der Sozialen Arbeit ist also entscheidend für den Erfolg. Beziehungsarbeit ist jedoch nicht messbar und auch nicht standardisierbar. Wenn demnach von „Wirksamkeit“ und von „Produkten“ (wie Hilfen manchmal genannt werden) die Rede ist, dann kann das nicht funktionieren. Es gibt keine standardisierten Hilfen, kein Schema F, in das sich Menschen einfügen lassen. 

  

Uns liegt in diesem Zusammenhang natürlich sehr am Thema Anerkennung: Soziale Arbeit wird immer dann gerufen, wenn andere Hilfe- und Unterstützungssysteme nicht mehr weiterhelfen können. Wir arbeiten mit hoher Komplexität häufig mit Menschen in multiplen Krisen. Fachkräfte erwerben einen der höchsten Bildungsabschlüsse in diesem Land und müssen für die anspruchsvollen Tätigkeiten angemessen bezahlt werden! Dafür muss Politik sich einsetzen. 

  

Wenn wir gleiche Chancen und Lebensverhältnisse für alle Menschen wollen, haben wir noch einiges zu tun. Ich glaube also, wir haben ausreichend Gesprächsstoff für ein Speed-Dating mit Kandidierenden für die Wahlen und ich würde mich freuen, wenn die Landesarmutskonferenz Berlin und der DBSH zusammen eine WIR-KOMMEN-WÄHLEN!-Veranstaltung auf die Beine stellen.

 

Dann freue ich mich sehr über die Zusammenarbeit mit Ihnen im kommenden Jahr und danke Ihnen für dieses sehr ausführliche und informative Gespräch! 

 

Kirstin Wulf